Horse_ebooks

Ein sprechendes Pferd hat die Menschen schon in der schwarz-weißen Fernsehserie „Mr. Ed“ aus den sechziger Jahren begeistert. Das sprechende Pferd aus dem Internet ist allerdings noch ein ganzes Stück merkwürdiger: Horse_ebooks ist ein Twitteraccount, der jahrelang alle paar Stunden scheinbar zufällig ausgewählte Wörter und Satzbruchstücke absonderte.

Dabei entstand Nonsenspoesie, die sich liest wie das Gemurmel eines geistesgestörten Zenmeisters. „Who Else Wants To Become A Golf Ball”, „Crying is great exercise”, „Dear Reader, You are reading” und „Worms – oh my god WORMS” sind nur einige der unzähligen Beispiele dafür. Die Fangemeinde wuchs stetig, der Twitteraccount sammelte im Laufe der Zeit über 200.000 Follower, die lustigsten und absurdesten Weisheiten wurden auf Blogs und in sozialen Netzwerken geteilt, Horse_ebooks inspirierte Comics, T-Shirts und sogar Tätowierungen.

Lange Zeit wurde angenommen, dass es sich bei dem Account um einen Spambot handele, also ein Computeralgorithmus, der ständig irgendwelche Sachen postete, um Leute dazu zu bringen, auf Links zu klicken und E-Books über Pferde zu kaufen (daher auch der Name). Doch vor kurzem wurde bekannt, dass hinter Horse_ebooks für den Großteil der Zeit ein Mensch steckte. Jacob Bakkila übernahm den Account im September 2011 von dem russischen Spammer Alexei Kuznetzsov und verwandelte ihn in ein zwei Jahre dauerndes, streng geheimes Kunstprojekt. Er imitierte eine Maschine, die mit der vorgetäuschten Sinnlosigkeit der Textschnipsel kreativer sein konnte als jeder menschliche Dichter.

Als das herauskam, waren die Fans zutiefst enttäuscht darüber, dass es keine unschuldige und intentionslose Maschine war, der sie den Spaß zu verdanken hatten, sondern ein Mensch, der das ganze auch noch als Werbeaktion für eine Kunstausstellung in New York benutzte. Es ist wie immer bei Spam: Was zu schön ist, um wahr zu sein, ist eben auch nicht wahr.

Aber wer weiß, vielleicht wird Horse_ebooks in ferner Zukunft als einer der bedeutendsten Poeten des 21. Jahrhunderts gelten. Nicht zuletzt verdanken wir der durchgeknallten Menschmaschine schließlich einen Satz, der das Wesen des Lebens im Internetzeitalter so treffend beschreibt wie kaum ein anderer: „Everything happens so much.“

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