Analognostalgie

Die einfachste Möglichkeit, Menschen auf seine Seite zu ziehen, ist, sie an ihren Schuldgefühlen zu packen – das wusste schon die katholische Kirche. Deswegen gibt es nichts Leichteres, als bei Facebook Sachen zu posten, die sich auf die schlichte Aussage reduzieren lassen: „Hey ihr alle, ihr verschwendet gerade euer Leben bei Facebook! Hört auf damit!“

Das Paradebeispiel für diese Analognostalgie verdanken wir Gary Turk. In seinem Youtube-Video „Look Up“ schreibt er der Smartphone-Generation mit bildungsbürgerlichem Reimschema und dezenter Klavierbegleitung ins Stammbuch, dass früher alles besser war. Begeistert wurde das Video in den sozialen Netzwerken verbreitet und geriet zum viralen Phänomen. „Endlich sagt‘s mal jemand!“ war der scheinheilige Tenor dabei. Denn die meisten werden auf das Video gestoßen sein, als sie genau das taten, was das Video kritisiert: Sie widmeten sich der vermeintlich minderwertigen digitalen Welt statt der analogen. Und natürlich will auch Gary Turk, dass du seine Videos bei Youtube abonnierst und ihm bei Twitter folgst.

Ein Grund für die Anziehungskraft der Analognostalgie ist, dass sich anscheinend niemand mehr so richtig an die Vergangenheit erinnern kann. Na klar, da gab es doch diese glorreichen Zeiten, als man in der Straßenbahn noch anregende Gespräche mit fremden Menschen führte! Alles vorbei, und das nur wegen der kleinen Bildschirme. Die Wahrheit ist: In den Neunzigern haben die Leute tatsächlich nachmittags Fernsehen geguckt, so langweilig war ihnen. Außerdem hat die Zeitverschwendung sowieso schon einen viel zu schlechten Ruf. Natürlich verschwenden wir unsere Leben! Was soll man denn auch sonst damit tun? Es sich aufsparen, damit man was für später hat?

Allen Analognostalgikern sei daher gesagt: Wer die immensen Vorteile des Internets*  nicht missen will, der muss auch die Nachteile** in Kauf nehmen. So wie früher wird es ganz bestimmt nicht mehr.

Solange sie dabei also nicht von einem Bus überfahren werden oder gegen ein Straßenschild laufen, können die Leute in Situationen, die nicht die volle Aufmerksamkeit verlangen, gerne weiterhin auf ihre Ablenkungsgeräte starren. Mehr Etikette braucht es nicht.


* • Man kann so einfach wie nie von überall aus die interessantesten kulturellen Errungenschaften der Menschheit entdecken
• Man findet Informationen zu jedem noch so abseitigen Kram
• Katzenvideos

** • Man wird bei allem überwacht
• Man verlernt, geduldig zu sein
• Kommentare unter Spiegel-Online-Artikeln

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