Zeitverschwendung

Wahrscheinlich wird man in ein paar Jahrzehnten über kulturpessimistische Überschriften wie „Macht das Internet uns dumm?“ nur lachen können und sie in eine Reihe stellen mit Platons Vorbehalten gegenüber Büchern (Was soll denn aus dem gesprochenen Wort werden?). Der amerikanische Künstler und Literaturprofessor Kenneth Goldsmith glaubt jedenfalls schon heute, dass das Internet uns nicht nur schlauer machen kann, sondern auch kreativer. Deshalb bietet er im Fachbereich für kreatives Schreiben an der Universität von Pennsylvania ab kommendem Semester ein Seminar mit dem Titel „Zeitverschwenden im Internet“ an.

Wir alle tun es Tag für Tag, verbringen unser Leben im Halbschlaf vor den Bildschirmen – und sind damit ohne es zu wollen ziemlich nah am Idealzustand des surrealistischen Künstlers. Die meditative Erfahrung des stundenlangen Umherklickens und -wischens lässt sich auch mit dem ziellosen Flanieren vergleichen, mit dem sich die Poeten des 19. Jahrhunderts ihre Zeit vertrieben.

Goldsmiths Studenten sollen dieses Potential nutzen und Ablenkung in Anregung umwandeln. So kann das eigene Facebook-Profil als Grundlage einer Autobiographie dienen. Oder der Twitter-Feed als Gedichtsammlung betrachtet werden. Das alles mag zunächst seltsam klingen, aber eigentlich geht es Goldsmith um etwas, das Künstler schon seit Anbeginn der Zeit versuchen: Sinn in der Sinnlosigkeit der Welt finden.

Zeitverschwendung im Internet ist aber auch so schon eine Kunst für sich, sie will gelernt und zelebriert werden. Wer sich schon mal stundenlang von Wikipedia-Artikel zu Wikipedia-Artikel gehangelt oder von Youtube-Video zu Youtube-Video geklickt hat, und dabei generell zehn bis fünfzehn Tabs im Browser gleichzeitig offen hat, der weiß um die geradezu magischen Verführungskünste des Netzes, denen man sich immer wieder lustvoll hingeben kann.

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